Im Oktober werden an mehreren Tagen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Stolpersteine verlegt. Mit den Stolpersteinen wird am letzten freiwillig gewählten Wohnort an Menschen erinnert, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Im Bezirk sind mehr als 1.175 Stolpersteine verlegt.
Stolpersteinverlegungen am 5. Oktober
Für Ernst Körber wird um 9 Uhr am Ida-Wollf-Platz ein Stolperstein verlegt und damit an ihn erinnert.
Ernst Körber kam 1911 in der Stadt Iglau (tschechisch: Jihlava) zur Welt, die etwa 120 km südöstlich von Prag liegt. Sie gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Habsburgerreich und kam danach zur neu gegründeten Tschechoslowakei.
Nach der Volksschule in Iglau absolvierte Ernst Körber eine Ausbildung zum Kellner.
Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann und immer mehr Männer an die Front gerufen wurden, entstand im gesamten Reich ein akuter Arbeitskräftemangel. Diesen versuchte das NS-Regime auch durch gezielte Anwerbung in den annektierten Regionen auszugleichen. Im März 1940 – Ernst Körbers Heimat war inzwischen von Deutschland annektiert und zum „Protektorat Böhmen und Mähren“ erklärt worden – meldete er sich freiwillig für einen Arbeitseinsatz nach Berlin. Dort war er zuerst bei der Mitropa (Gastronomie der Deutschen Reichsbahn) als Kellner und seit Oktober 1940 als Bademeister beschäftigt. Er lebte als Untermieter in der Halleschen Straße 28 in einem Zimmer, das er sich mit einem Mitbewohner teilte. Dieses Gebäude – ein Eckhaus an der Kreuzung Hallesche Straße / Großbeerenstraße, am heutigen Ida-Wolff-Platz – existiert nicht mehr.
Ernst Körber war homosexuell. Aufgrund Denunziation durch die Mutter einer romantischen Bekanntschaft wurde er am 27. Oktober 1941 verhaftet und in Untersuchungshaft festgehalten.
Am 13. Januar 1942 wurde er vom Landgericht Berlin wegen „fortgesetzter Unzucht mit Männern“ zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Haft saß er im Gefängnis Plötzensee ab. Nachdem der Anstaltsarzt ihn für haftunfähig erklärt hatte – er litt an offener Lungentuberkulose und hohem Fieber –, wurde er am 7. August 1942 in ein Krankenhaus in Berlin-Buch überführt. Er war jedoch schon zu geschwächt. Ernst Körber verstarb dort am 27. August 1942 im Alter von nur 30 Jahren.
Mit der Verlegung eines Stolpersteines um 9:30 Uhr in der Dresdener Straße 8 wird Alfons Keiles gedacht.
Alfons Keiles wurde 1895 in Wiesbaden als Sohn eines jüdischen Zigarettenfabrikanten geboren. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Kaufmann. Anschließend war er in der elterlichen Zigarettenfabrik beschäftigt.
Am Anfang des Ersten Weltkrieges wurde er zum Militär eingezogen. 1920 siedelte Alfons Keiles nach Berlin über, wo er etwa 5 Jahre als Betriebsleiter in einer jüdischen Zigarettenfabrik arbeitete.
1923 heiratete er in Berlin die Kontoristin Karoline Eberspächer (geb. 1899 in Marburg), sie war keine Jüdin. 1924 kam die gemeinsame Tochter Rita zur Welt. Mitte der 1920er Jahre machte sich Alfons Keiles mit einem Zigarrengeschäft selbständig, das er bis 1933 führte. Die Familie wohnte seit ca. 1935 in einer 3-Zimmer-Wohnung in der vierten Etage des Hauses Dresdener Straße 8.
Durch die systematischen Ausgrenzungs- und Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes verschlechterten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen für jüdische Bürgerinnen und Bürger von Jahr zu Jahr drastisch. Ab Januar 1941 war der ehemals Selbstständige Alfons Keiles bei Siemens als Hilfsarbeiter beschäftigt.
Als 1942 mit Einführung der „Raucherkarte“ Tabakwaren rationiert wurden, erwarb Alfons Keiles auf dem Schwarzmarkt mehrmals größere Posten Zigaretten und Zigarren. Er wurde deswegen am 18. Mai 1942 verhaftet. Am 16. März 1943 wurde er als „Kriegswirtschaftsverbrecher“ zu einem Jahr Gefängnis sowie 1.000 Reichsmark Geldstrafe verurteilt. Zwei Tage später wurde er in das Strafgefängnis Tegel überführt. Als seine Haftzeit am 18. Mai 1943 endete, wurde er jedoch nicht entlassen, sondern der Gestapo zugeführt. Diese verschleppte ihn im Juni oder Juli nach Auschwitz, wo er am 14. September 1943 ermordet wurde.
An Hanns Cohn wird um 9:55 Uhr mit der Verlegung eines Stolpersteines in der Oppelner Straße 29 erinnert.
Hanns Cohn kam 1923 in Berlin als Sohn des Elektrotechnikers Eugen Cohn und dessen Ehefrau Friederike (geb. Heymann) zur Welt. Die Familie gehörte der jüdischen Religionsgemeinschaft an und bewohnte im Erdgeschoss des Vorderhauses der Oppelner Straße 29 eine 3-Zimmer-Wohnung mit Laden. Hanns' Eltern hatten 1922 die „Elektro-Gesellschaft für Telefon-, Stark- und Schwachstrom-Anlagen Eugen Cohn & Co.“ gegründet. Sie lebten in gutbürgerlichen Verhältnissen. Hanns Cohn besuchte die Mittelschule der Jüdischen Gemeinde in der Großen Hamburger Straße 27.
Die systematischen Ausgrenzungs- und Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes nach 1933 trafen die jüdische Bevölkerung im Alltag ebenso wie im Berufsleben. Die Firma der Cohns litt ab 1933 unter der zunehmenden Verdrängung und Schikane jüdischer Geschäftsleute. Zum Jahresende 1938 mussten sie den Betrieb schließen. Hanns Cohn musste 1938 die Schule verlassen.
Ab November 1940 war er in der Spinnstofffabrik Zehlendorf zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er wurde am 27. Februar 1943 Leidtragender der „Fabrikaktion“, bei der die bis dahin von der Deportation ausgenommenen letzten Berliner Juden und Jüdinnen, die in kriegswichtigen Betrieben zwangsbeschäftigt waren, verhaftet und deportiert wurden.
Hanns Cohn wurde am 1. März 1943 mit dem „31. Osttransport“ nach Auschwitz verschleppt und zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.
Eugen und Friederike Cohn tauchten nach der Verhaftung ihres Sohnes unter und lebten illegal, bis sie im Dezember 1943 verhaftet und in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 gebracht wurden. Sie wurden nicht deportiert, denn Eugen Cohns Fähigkeiten als Elektromeister wurden vor Ort gebraucht. Anfang Mai 1945 wurden sie von der Roten Armee befreit. Beide Elternteile blieben nach Kriegsende in Berlin.
Mit der Verlegung eines Stolpersteines um 10:15 Uhr in der Cuvrystraße 29 wird die Erinnerung an Fredy Teesch sichtbar.
Fredy Teesch kam 1920 in Berlin als Sohn der ledigen Schneiderin Pauline Teesch zur Welt. Sein Vater war ein jüdischer Kaufmann, der Fredy und seine Mutter finanziell unterstützte. Pauline Teesch, die evangelisch getauft war, trat 1923 in die Jüdische Gemeinde ein und erzog ihren Sohn im jüdischen Glauben. Fredy lebte mit seiner Mutter in der 3. Etage des Hauses Cuvrystraße 29.
Mit dem Erlass der Nürnberger Gesetze im September 1935 definierte das NS-Regime die Zugehörigkeit zur jüdischen Minderheit nach rassistischen Kriterien gesetzlich. Fredy Teesch galt für die Nationalsozialisten rechtlich als Jude, da er der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte. Er wollte Deutschland verlassen und ging zu diesem Zweck in ein jüdisches Umschulungslager nach Paderborn. In solchen Lagern lebten Gruppen von jugendlichen Auswanderungswilligen über mehrere Monate wie im Kibbuz zusammen. Sie erwarben vor allem gärtnerische, land- und hauswirtschaftliche sowie handwerkliche Fertigkeiten und wurden in Hebräisch unterrichtet. Allerdings war die Auswanderung nach Beginn des Krieges am 1. September 1939 unmöglich geworden.
Das jüdische Arbeitseinsatzlager Paderborn, in das das ehemalige Umschulungslager 1941 umgewandelt worden war, wurde am 1. März 1943 aufgelöst. Die darin gefangen gehaltenen Menschen wurden am gleichen Tag nach Bielefeld transportiert. Am nächsten Tag wurden sie von dort in Güterwaggons nach Auschwitz verschleppt, wo Fredy Teesch zur Zwangsarbeit selektiert wurde. Er wurde am 21. Juni 1943 ermordet.
Seine Mutter Pauline Teesch lebte bis zu ihrem Tod 1963 in der Cuvrystr. 29.
In der Schlesischen Straße 27 wird um 10:40 Uhr zur Erinnerung an Karl Kampfer ein Stolperstein verlegt.
Karl Kampfer kam 1898 im Dorf Jurkoutz im Herzogtum Bukowina, das damals zum Habsburgerreich gehörte, in einer jüdischen Familie zur Welt. Jurkoutz (ukrainisch: Jurkiwzi) liegt heute im Südwesten der Ukraine, nahe der Grenze zu Rumänien und Moldau. Seine Mutter war die 1870 im historischen Galizien (heute Süd-Polen und West-Ukraine) geborene Maria Kampfer (geb. Kampfer). Die Ehe der Eltern wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt geschieden. Über die Kindheit und Jugend von Karl Kampfer haben sich keine Informationen erhalten. Wann er mit seiner Mutter nach Berlin übersiedelte, ist nicht bekannt. Im Berliner Adressbuch ist Maria Kampfer das erste Mal 1920 in der Schlesischen Str. 21 verzeichnet. Etwa 1935 zogen Mutter und Sohn in das Haus Schlesische Str. 27b. Dessen ursprüngliches Gebäude existiert nicht mehr.
Wie existenziell sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen jüdischer Bürger und Bürgerinnen durch die systematische NS-Verfolgung von Jahr zu Jahr verschlechterte, zeigt das Schicksal von Betroffenen wie ihm. Karl Kampfer wurde am 26. September 1939 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Der Grund für seine Inhaftierung ist unbekannt. Er wurde später wieder entlassen. Die Wohnung mussten Mutter und Sohn verlassen und im Juli 1942 zwangsweise eine sogenannte Kochstube – eine Wohnung mit nur einem Raum und integrierter Küche - in der Solmsstraße 41 beziehen.
Maria Kampfer wurde am 17. August 1942 mit dem „1. großen Alterstransport“ von Berlin nach Theresienstadt verschleppt, wo sie am 17. September 1942 ums Leben kam. Für sie gibt es bereits einen Stolperstein.
Karl Kampfer musste zuletzt Zwangsarbeit bei der Deutschen Reichsbahn leisten. Er wurde am 28. Juni 1943 mit dem „39. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Um 11:20 Uhr wird am Wriezener Karree 9 ein Stolperstein für Max Neumann verlegt.
Max Neumann kam 1900 in Berlin als Sohn eines Kutschers zur Welt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte er die Volksschule in der Fruchtstraße (heute Straße der Pariser Kommune). Als der Erste Weltkrieg anfing, begann er, in einer Munitionsfabrik zu arbeiten. In den 1920er Jahren war er beim Bau der Untergrundbahn in der Frankfurter Allee beschäftigt, außerhalb Berlins in der Landwirtschaft tätig oder arbeitslos.
Da Max Neumann aufgrund seiner Homosexualität von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, wurde er im Januar 1937 wegen „widernatürlicher Unzucht mit Männern“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Im August 1940 sprach Max Neumann am Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) einen jugendlichen Ausreißer aus Breslau an, der sein Angebot, bei ihm zu übernachten, annahm.
Er wohnte nicht weit weg vom Bahnhof in der Friedrichsfelder Straße 28 – das Gebäude existiert nicht mehr und entspricht etwa der heutigen Adresse Wriezener Karree 9. Dort in seiner Kellerwohnung soll er laut Polizei- und Gerichtsakten „unzüchtige“ Handlungen an dem Jugendlichen vorgenommen und versucht haben, ihn zu verführen. Was genau passierte, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.
Am 25. August 1940 wurde Max Neumann erneut festgenommen. Ab dem 9. September 1940 befand er sich in Untersuchungshaft im Gefängnis Plötzensee. Am 3. Januar 1941 wurde er vom Landgericht Berlin zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt und am 17. April 1941 in das Zuchthaus Brandenburg-Görden überstellt. Nach der Verbüßung seiner Strafe am 3. Juli 1942 wurde Max Neumann jedoch nicht in die Freiheit entlassen, sondern in das KZ Sachsenhausen überstellt, wo er am 30. Juli 1942 ermordet wurde.
Um 12:15 Uhr werden für die Familie Lewin in der Hildegard-Jadamowitz-Straße ggü. Nr. 23 drei Stolpersteine verlegt und damit Jenny, Alfred und Lissi Lewin gedacht. Die Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann wird an dieser Verlegung teilnehmen.
Jenny Hammerschmidt kam 1881 im westpreußischen Schloppe (polnisch: Człopa) als Tochter eines jüdischen Pferdehändlers zur Welt. Die Familie übersiedelte nach der Jahrhundertwende in die damalige Reichshauptstadt Berlin.
Jenny Hammerschmidt heiratete 1910 in Berlin den jüdischen Kaufmann Julius Lewin (geb. 1883 in Luckenwalde) und bekam mit ihm zwei Kinder: Alfred (*1911) und Lissi (*1917). Seit etwa 1920 wohnte die Familie in der Boxhagener Str. 128 – im Abschnitt der Straße, der westlich der Warschauer Straße lag. Dieser Teil der Straße wurde nach dem Kriegsende 1945 stark verändert, in die Hildegard-Jadamowitz-Straße integriert und teilweise überbaut. Das Haus existiert nicht mehr. Es befand sich auf der Freifläche gegenüber der heutigen Nr. 23. Julius Lewin verstarb 1927.
Aufgrund der zunehmenden Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen durch die Nationalsozialisten seit 1933 entschloss sich die Familie, nach Italien auszuwandern. Sie gingen 1936 in die Stadt Cremona, ca. 80 km südöstlich von Mailand gelegen. Nachdem die italienische Regierung 1938 antisemitische Gesetze eingeführt hatte, wurde das Leben für die Familie Lewin auch dort zunehmend schwieriger. Lissi, der eine Anstellung als Dienstmädchen in England vermittelt wurde, verließ Italien im August 1939. Sie wollte Mutter und Bruder später nachholen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Jenny und Alfred Lewin wurden im September 1944 in Forlì (Emilia-Romagna) ermordet.
Lissi kehrte 1947 aus England nach Berlin zurück, wo sie 2009 starb.
An der Landsberger Allee 59 werden um 13:25 Uhr Stolpersteine zur Erinnerung an Jenny Perzynski und Dora Bluemke verlegt.
Jenny Medon kam 1892 in Berlin als Tochter eines jüdischen Schneiders zur Welt. Sie hatte acht jüngere Geschwister, darunter die Schwester Dora (*1900). Die Mutter starb 1905 bei der Geburt des letzten Kindes. Die Familie lebte an verschiedenen Adressen in der Gegend um das Schönhauser Tor. Jenny erlernte den Beruf der Zuschneiderin - war also verantwortlich für das Zuschneiden von Stoffen in der Bekleidungsindustrie.
Sie heiratete 1913 Max Pratsch, der 1915 im Ersten Weltkrieg an der Ostfront fiel. 1918 zog Jenny Pratsch in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Landsberger Allee 154 (heute Nr. 59). Sie heiratete 1925 den Kaufmann Wilhelm Perzynski. Doch auch diese Ehe währte nicht lange: Ihr Ehemann verstarb 1933 in Berlin.
Die jüngere Schwester Dora hatte den Beruf der Näherin erlernt und 1928 den Mechaniker Otto Blümke geheiratet, der 1938 im Alter von nur 38 Jahren verstarb. Dora zog noch im selben Jahr zu ihrer Schwester Jenny in die Landsberger Allee 154.
Als Folge der systematischen Ausgrenzungsmaßnahmen des NS-Regimes, unter denen sich die Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung drastisch verschlechterten, verloren schließlich auch Dora und Jenny ihre berufliche Freiheit. Beide mussten Zwangsarbeit leisten: Dora bei der AEG in Schöneweide, Jenny in der Kondensatorenfabrik Ernst Roederstein in Mitte. Sie wurden am 27. Februar 1943 Leidtragende der „Fabrikaktion“, bei der die bis dahin von der Deportation ausgenommenen letzten Berliner Juden und Jüdinnen, die in kriegswichtigen Betrieben zwangsbeschäftigt waren, verhaftet und deportiert wurden. Dora Blümke und Jenny Perzynski wurden am 3. März 1943 mit dem „33. Osttransport“ von Berlin nach Auschwitz verschleppt und ermordet.
Stolpersteinverlegung am 7. Oktober
In der Kottbusser Straße 24 wird um 14:25 Uhr mit der Verlegung eines Stolpersteins an Hermann Richter gedacht.
Hermann Richter (*1915 in Berlin), der seinen Lebensunterhalt als Bauarbeiter verdiente, wurde im April 1937 zum Arbeitsdienst nach Reichsarbeitsdienstgesetz (Juni 1935) eingezogen. Aus diesem entfernte er sich jedoch bald. Nach mehreren Wochen wurde er gefasst und mit 6 Wochen Arrest bestraft. Im September 1937 zog man ihn zum Wehrdienst ein. Er kehrte aber nach seinem ersten Urlaub nicht zurück und versteckte sich 10 Monate bei einer Bekannten in der Skalitzer Straße. Im September 1938 wurde er verhaftet und wegen Fahnenflucht zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt, die er in Torgau und Glatz (Böhmen) absaß.
Ende 1941, als die Wehrmachtsoffensive wegen extremer Wintertemperaturen vor Moskau zum Erliegen kam und die Rote Armee zur großen Gegenoffensive ansetzte, wurde er erneut einberufen und kam zur Artillerie. Ende Dezember 1942 erlitt er im Raum Rostow am Don, an der südlichen Ostfront, einen Gesäßdurchschuss. Von einem Genesungsurlaub im März 1943 kehrte er nicht ins Lazarett zurück, sondern versteckte sich wieder bei Bekannten in Berlin. Im Mai 1943 wurde Hermann Richter durch Verrat erneut verhaftet und im Juni 1943 wegen unerlaubter Entfernung zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach 6 Wochen verschärftem Arrest wurde die Reststrafe ausgesetzt und er kam in ein Strafbataillon an der Ostfront. Auch von dort flüchtete er wieder und versteckte sich in Berlin, bis er am 24. November 1944 verraten und verhaftet wurde. Er kam in das Militärgefängnis Spandau und wurde am 17. Januar 1945 wegen „Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt.
Hermann Richter wurde am 13. März 1945 in der Murellenschlucht, einer Hinrichtungsstätte der NS-Militärjustiz für Deserteure, nahe des Olympiageländes, erschossen. Bisher konnten 230 Menschen, die dort umgebracht wurden, namentlich ermittelt werden. Wieviele es insgesamt waren, ist unbekannt. An sie erinnert seit 2002 die Installation Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg.








