Auch im April werden an verschiedenen Stellen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg weitere Stolpersteine verlegt. Mit den Stolpersteinen wird am letzten freiwillig gewählten Wohnort an Menschen erinnert, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Im Bezirk sind bereits ca. 1.100 Stolpersteine verlegt.
10:10 Uhr, Höchste Str. 4 (gegenüberliegende Straßenseite)
Für die Familie Goldstrom werden acht Stolpersteine verlegt. Es wird damit erinnert an: Sally, Liesbeth, Ulrich, Irene, Dieter, Berto, Gittel und Aron Goldstrom.
Der Kaufmann Sally Goldstrom kam 1891 in einem westpreußischen Dorf nahe Danzig (heuteGdańsk, Polen) zur Welt. 1928 heirateten er und Lisbeth Grunert, geb. 1903 in Passenheim (damals Ostpreußen, heute Pasym in Polen). Sie bekamen sieben Kinder: Joachim (*1929), Ulrich (*1930), Irene (*1931), Hans-Dieter (*1934), Berto (*1937), Gittel (*1939) und Aron (*1940).
Die Familie lebte in Marienburg (heute Malbork), etwa 45 km südöstlich von Danzig, wo Sally Goldstrom ein Bekleidungsgeschäft betrieb. 1939, vermutlich im Sommer, zog die Familie nach Berlin. Wahrscheinlich hofften sie in der Anonymität der Großstadt besser vor Diskriminierung und Entrechtung als Juden und Jüdinnen durch die Nationalsozialisten geschützt zu sein. Sie wohnten in der Höchsten Str. 19 - das Haus existiert nicht mehr, dort befindet sich heute ein Spielplatz. Der älteste Sohn Joachim wurde 1939 mit einem Kindertransport nach England geschickt und überlebte dadurch als einziger von der Familie. Sohn Berto, der das Down-Syndrom hatte, befand sich seit 1939 in verschiedenen Krankenhäusern, Heimen und Heilstätten. Er wurde im August 1941 in die „Kinderfachabteilung“ der Landesheilanstalt Görden (Brandenburg an der Havel) verlegt, wo er am 4. November 1941 ermordet wurde. Der jüngste Sohn Aron verstarb im Februar 1942 in Berlin aufgrund unzureichender medizinischer Versorgung an Masern und Krupp.
Lisbeth Goldstrom wurde mit ihren Kindern Ulrich, Irene, Hans-Dieter und Gittel am 2. März 1943 von Berlin in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sie wurden dort ermordet.
Auch Sally Goldstrom wurde kurz darauf, am 17. März 1943, mit dem sogenannten „4. großen Alterstransport“ von Berlin in das Konzentrationslager Theresienstadt und am 6. Oktober 1944 von dort weiter nach Auschwitz verschleppt und ermordet.
12:30 Uhr, Kochhannstr. 22
Mit der Verlegung eines Stolpersteines wird an Hermann Blau erinnert.
Hermann Blau kam 1897 in der kleinen Stadt Flatow in Westpreußen (heute Złotów in Polen), ca. 110 km nördlich von Posen (heute Poznań) gelegen, zur Welt. Er wuchs in einer jüdischen Familie auf, die um 1910 nach Berlin übersiedelte. Hermann erlernte den Beruf des Schuhmachers. Im März 1920 heirateten er und Elsbeth Puhlemann (*1899), die keine Jüdin war. Im Juni 1920 kam Tochter Gerda zur Welt. Die Familie zog um 1935 in das Haus in der Kochhannstraße 22.
Die zunehmende Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 wirkte sich auch auf die Familie Blau aus. Da Hermann Blau als Jude keine Beschäftigung mehr finden konnte, musste Elsbeth Blau 1936 ihren Beruf wieder aufnehmen, damit die Familie ein Einkommen hatte. Bekannt ist, dass Elsbeth Blau bis zu ihrer Hochzeit als Kontoristin bei einer Versicherung gearbeitet hat, aber nicht wo sie dann beschäftigt war. Laut seiner Ehefrau war Hermann Blau außerdem seit Mitte der 1920er Jahre Mitglied der KPD und nach 1933 auch dadurch gefährdet. Vermutlich wurde Hermann Blau Anfang Juni 1939 bei dem Versuch gefasst, über die Grenze nach Belgien oder in die Niederlande zu fliehen, denn die Polizei Aachen ordnete am 2. Juni 1939 „Schutzhaft“ gegen ihn an. Er wurde am 17. Juni 1939 in das KZ Dachau eingeliefert und am 26. September 1939 in das KZ Buchenwald überstellt, wo er in der Häftlingskategorie „Politischer Jude“ geführt wurde.
Am 27. Februar 1940 wurde Hermann Blau in Buchenwald ermordet - die auf der Sterbeurkunde vermerkte Todesursache „allgemeine Blutvergiftung“ ist als nicht verlässlich einzuordnen.
Seine Ehefrau Elsbeth Blau und die Tochter Gerda überlebten den Krieg in Berlin.
13:05 Uhr, Graudenzer Str. 8
Für Dr. Max Lewy wird ein Stolperstein verlegt.
Max Lewy, geb. 1902 in Berlin, studierte an der Berliner Universität Zahnmedizin und bestand im März 1931 das zahnärztliche Staatsexamen. Auch ihn traf die Verfolgung und Entrechtung von Juden und Jüdinnen durch die Nationalsozialisten ab 1933. Im Juni 1933 wurde Dr. Max Lewy die Kassenzulassung entzogen. In den folgenden Jahren war er in verschiedenen Berliner Zahnarztpraxen, oft nur kurzzeitig, als Krankheitsvertretung tätig. Ab Januar 1939 musste er sich – wie alle jüdischen Zahnärzte – „Zahnbehandler“ nennen und durfte nur noch Juden und Jüdinnen behandeln. Seit etwa 1934 wohnte er in der Graudenzer Str. 4 (das Gebäude existiert nicht mehr, dort befindet sich heute die Nr. 8).
Dr. Max Lewy wurde am 18. Oktober 1941 mit dem sogenannten „1. Osttransport“ von Berlin in das Ghetto Lietzmannstadt/Lodzund am 5. Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert und ermordet.
13:25 Uhr, Graudenzer Str. 2
Mit der Verlegung eines Stolpersteines wird die Erinnerung an Meta Tann wachgehalten.
Meta Tann kam 1882 in Stettin, der Hauptstadt der damaligen preußischen Provinz Pommern (heute Szczecin in Polen), in einer jüdischen Familie zur Welt. Ihre Familie übersiedelte um 1900 nach Berlin. Etwa 1908 zog Meta Tann in die Graudenzer Straße 2 (das ursprüngliche Gebäude existiert heute nicht mehr). Sie wohnte hier zunächst gemeinsam mit ihrer Mutter (gest. 1924) und ihrer Schwester (gest. 1918). Meta Tann führte ein Geschäft für Damenhüte in der Großen Frankfurter Straße 142 (heute Karl-Marx-Allee). Ihr Geschäft musste sie nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 und der zunehmenden staatlichen Diskriminierung und Entrechtung von Juden und Jüdinnen aufgeben.
Meta Tann wurde am 1. November 1941 von Berlin mit dem sogenannten „4. Osttransport“ in das Ghetto Lietzmannstadt/Lodzund am 4. Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof verschleppt und ermordet.
14:10 Uhr, Schlesische Str. 22
Zur Erinnerung an Hans und Hertha Wollmann werden Stolpersteine verlegt. Die Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann nimmt an dieser Verlegung teil.
Hans Wollmann kam 1904 in Berlin in einer jüdischen Familie zur Welt. Er ergriff den Beruf des Rechtsbeistandes: Das waren juristisch sachkundige Personen ohne Jura-Studium mit einer eingeschränkten Erlaubnis, fremde Rechtsangelegenheiten zu besorgen.
Er und Hertha Brager heirateten 1931. Hertha, geb. 1903 in Hamburg, war von Beruf Stenotypistin. Auch sie kam aus einer jüdischen Familie. Seit 1933 wohnte das Ehepaar, das kinderlos blieb, in einer 3-Zimmer-Wohnung in der Schlesischen Straße 22 (das Gebäude wurde im 2. Weltkrieg zerstört).
Die systematische Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen nach 1933 durch die Nationalsozialisten wirkte sich auch auf das Leben von Hans und Hertha Wollmann aus. Hans Wollmann durfte seinen Beruf als Rechtsbeistand nicht mehr ausüben. Er musste Zwangsarbeit leisten und war zuletzt in einer Altpapiergroßhandlung zwangsverpflichtet. Hertha Brager musste als Stanzerin in einer Metallwarenfabrik in Treptow Zwangsarbeit leisten. Zwei Zimmer ihrer Wohnung hatten sie seit Juli 1941 an zwei jüdische Ehepaare untervermietet.
Um sich der drohenden Deportation zu entziehen, tauchte das Ehepaar Wollmann Ende Dezember 1942 unter und lebte in der Illegalität. Sie sollensich in der Samariterstraße 6 in Friedrichshain versteckt haben. Im Frühjahr 1944 wurden sie verhaftet. Hans und Hertha Wollmann wurden am 3. Mai 1944 mit dem sogenannten „52. Osttransport“ von Berlin nach Auschwitz deportiert und ermordet.
15:30 Uhr, Blücherstr. 61b
Hier werden die Stolpersteine für Denny und Alex Deutsch, Luise und Siegbert Cohn, die durch Unterspülung gelöst waren, wieder eingesetzt.
Die Biografien zu diesen Stolpersteinen finden sie hier.
16:00 Uhr, Mehringdamm 62
Mit der Verlegung eines Stolpersteines wird Hermann Hippmann gedacht.
Hermann Hippmann wurde 1882 im westfälischen Herford geboren. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre im Raum Kassel. Um 1900 zog er nach Berlin, wo er eine Anstellung als Pförtner beim Ullstein-Verlag fand. 1906 heirateten er und Anna Wiedemeyer, die zunächst als Dienstmädchen arbeitete. Zwei Söhne wurden 1907 und 1909 geboren.
Den Ersten Weltkrieg erlebte der Familienvater an der Westfront. In den 1920er Jahren wechselte Hermann Hippmann im politisch wie wirtschaftlich krisengeschüttelten Berlin häufig seine Arbeitsstelle und mit der Familie den Wohnort: Er arbeitete bei der Post, als Kaufmann, Verwalter und Betreiber verschiedener Gastwirtschaften und Restaurants in Wilmersdorf und Charlottenburg. Sein letztes Lokal und auch die Wohnung der Familie befand sich in der Belle-Alliance-Straße 21a (heute Mehringdamm 62).
Hermann Hippmann wurde 1929 in die Wittenauer Heilstätten in Berlin-Reinickendorf eingewiesen, die Umstände seiner Aufnahme und eine Diagnose sind unbekannt. 1930 wurde er in die Landesanstalt Neuruppin verlegt, wo er mehr als 10 Jahre verbrachte. Seine Ehe wurde 1939 geschieden. Als langjähriger Anstaltspatient wurde Hermann Hippmann 1940 im Rahmen der NS-“Euthanasie-Aktion T4“ erfasst und aufgrund seiner schweren Erkrankung als „unbrauchbar“ eingestuft. Damit wurde er Opfer der systematischen Massenermordungen von Kranken, Behinderten und sozial stigmatisierten Menschen während des Nationalsozialismus.
Am 23. Januar 1941 wurde Hermann Hippmann in die Tötungsanstalt Bernburg verschleppt und ermordet.
Recherche und biografische Zusammenstellung: Linda Verdier, geb. Hippmann
16:20 Uhr, Mehringdamm 88
An Edith Polak und Martha Fliess (verh. Frankfort) wird mit der Verlegung von Stolpersteinen erinnert.
Edith Krohn (*1895 in Berlin) kam in einer jüdischen Familie zur Welt. Sie heiratete 1921 den jüdischen Kaufmann Martin Fliess und zog zu ihm in das Haus Belle-Alliance-Straße 31 (heute Mehringdamm 88 – das ursprüngliche Gebäude wurde im 2. Weltkrieg zerstört). Im Dezember 1922 brachte sie Tochter Martha zur Welt. Ihr Ehemann Martin Fliess verstarb 1927 im Alter von nur 41 Jahren.
1933 zog Edith Fliess mit ihrer Tochter nach Tempelhof. Aufgrund der zunehmenden Entrechtung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen seit der Machtübergabe 1933 an die Nationalsozialisten beschlossen sie, Deutschland zu verlassen und suchten eine Möglichkeit dazu.
1939 heiratete Edith in Berlin den aus Amsterdam stammenden jüdischen Vertreter Jacob Polak (*1896). Durch die Heirat mit einem niederländischen Staatsangehörigen war es für Edith und ihre minderjährige Tochter nun möglich, nach Holland auszureisen. Ende Juli 1939 – noch vor Beginn des 2. Weltkrieges durch die Nationalsozialisten – emigrierte Edith mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter in die Niederlande. Am 10. Mai 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in die Niederlande ein und besetzte das Land. Martha Fliess heiratete im Januar 1942 in Amsterdam Stephan Henry Frankfort, die Ehe hielt allerdings nur wenige Monate. Im Juni 1942 lebte sie wieder getrennt und Martha zog zurück zu Mutter und Stiefvater.
Martha Fliess, verheiratete Frankfort, war seit Juli 1942 und Edith Polak seit August 1942 im sogenannten „polizeilichen Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ interniert. Als ab Juli 1942 das „Kamp Westerbork“ nicht mehr unter niederländischer sondern direkt unter deutscher Verwaltung stand, begannen die Deportationen der Gefangenen in Vernichtungslager. Edith Polak und Martha Fliess wurden am 2. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Vermutlich wurde auch Jacob Polak mit diesem Transport verschleppt. Er musste im Zwangsarbeiterlager Schoppinitz, in einem Stadtteil von Kattowitz (Katowice), bei Gleisbauarbeiten Zwangsarbeit leisten. Jacob Polak wurde dort am 31. Oktober 1943 ermordet.
Recherche und biografische Zusammenstellung (außer zu Hermann Hippmann): Christiana Hoppe, Stolperstein-Initiative Friedrichshain-Kreuzberg.
Stolpersteine, deren Verlegung von Angehörigen oder Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus initiiert wird, finanziert seit 2017 das Bezirksamt. Dieses Vorgehen hat die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Beschluss (DS/0417-15/V) bekräftigt.








